Auf den Spuren der Wikinger - ein fiktives Interview

Ein fiktives Interview mit der regionalen Pegnitz-Zeitung im Herbst 2010

 

Auf den Spuren der Wikinger     Nürnberger Land auf hoher See

Herr Dr. Lampalzer aus Röthenbach segelte in diesem Sommer mit seiner Yacht „Summertime“ nach Island. Die PZ sprach mit ihm über diesen außergewöhnlichen Törn.

PZ:  Herr Lampalzer, stimmt es: Sie sind auf eigenem Kiel nach Island gesegelt?

Das ist richtig. Seit 2005 haben wir eine neue Yacht, eine „Van-de-Stadt 37 - Forna“ mit Woodcore-Epoxy-Rumpf, 7/8-Rigg, Rollfock, wegnehmbare Sturmfock am Kutterstag, einen 40-PS-Motor …  Soll ich weitermachen?

Nein, nein, genügt! Unsere Leser sind nicht so sehr an technischen Details interessiert.

Wie groß ist denn Ihr Schiff? Wie viele Personen können mitsegeln?

Unsere „Summertime“ hat 37 Fuß; das sind 11.50 m.

Der Lebensraum an Bord ist immer sehr beschränkt. 4 Mann insgesamt ist auf längeren Strecken machbar. Wir waren auf den entscheidenden Strecken zu zweit bzw. zu dritt.

 

Nur zu zweit? Ist das nicht sehr anstrengend? Und gefährlich?

 

Ohne Umschweife: anstrengend ja! Dazu kommt, dass wir zu Beginn über die Nordsee eine falsche Wacheinteilung gewählt hatten, nämlich einen 3stündigen Wachrhythmus. Dabei erhält man zu wenig Schlaf. Man muss sich ja jedesmal aus- bzw. anziehen. Das dauert bei Seegang und den vielen Klamotten ziemlich lange.

Wir waren fix und fertig, als wir in Wick/Schottland ankamen.

Danach haben wir tagsüber auf 6 Stunden und nachts auf 4 Stunden geändert. Das war deutlich besser.

In Reykjavik haben wir 14 Tage Pause gemacht und Island besichtigt.

Dann ist Gunter zugestiegen. In der folgenden, schwierigsten Phase waren wir also glücklicherweise zu dritt.

Ich hätte mir per Internet natürlich jede Menge Leute zusätzlich ins Boot holen können. Aber das wollte ich nicht. Es ist kein Vergnügen, wenn man miteinander nicht klarkommt, aber aufeinander angewiesen ist und wochenlang auf wenigen Quadratmetern zusammenleben muss.

 

Und zur Gefahr: Die größte Gefahr ist, über Bord zu gehen. Nachts oder am Tag bei Seegang hat man bei diesen Wassertemperaturen dann keine Chance, egal ob man zu zweit oder zu viert ist.

Man muss sich anleinen! Das war Dauerpflicht auf dieser Reise.       

 

Wer waren Ihre Mitsegler?

Über die Nordsee und dann über den Nordatlantik und wieder zurück war Herr Helmut Wurm aus Feucht mein Partner. In Reykjavik ist Herr Gunter Dehne aus Ottensoos zugestiegen und bis zu den Färöern mitgesegelt.

Zu Beginn und am Ende der Reise, jeweils an der dänischen Ostküste, hatte ich verschiedene Freunde an Bord, unter anderem Herrn Thiemo Graf aus Röthenbach.

 

Und wie lange waren Sie unterwegs?

Von Mitte Mai bis Anfang August, fast 3 Monate. So viel Zeit hat man erst im Ruhestand.

 

Hochseesegeln scheint ein spannendes Hobby zu sein?

         Man könnte einen ganzen Roman darüber schreiben. Wenn man ein Schiff betritt, ist es
         als würde man eine andere Welt betreten. Nehmen Sie nur den Lebensrhythmus. An Land
         richtet man sich nach Tag und Nacht, auf See herrscht ausschließlich die Wacheinteilung,
         rund um die Uhr.

Wie kommt man ausgerechnet auf Island, als Ziel?

Da kommt verschiedenes zusammen.

Die Wikinger haben mich schon immer fasziniert. Sie waren auf allen Meeren der damals bekannten Welt unterwegs, haben Island und Grönland besiedelt und sind bis nach Nordamerika vorgedrungen, lange vor Columbus.

Und: Ich wollte einmal eine wirklich große Reise machen. Sie sollte seglerisch zudem anspruchsvoll sein.

Was die Wikinger mit ihren offenen Booten vorgemacht haben, sollte für eine moderne Yacht doch auch möglich sein! Die beiden letzten Jahre mit einer Nordsee- und einer kleineren Ostsee-Runde waren dann die Vorbereitung für mich und das Schiff.

 

Welchen Weg nimmt man nach Island?

Zunächst führte die Route von Kiel aus die Ostküste Dänemarks hoch und durch den Limfjord nach Thyborön. Das war sozusagen die Anreise zum eigentlichen Törn.

Von Thyborön aus quer über die Nordsee nach Wick in Schottland. Dann nach Nordwesten über den Nordatlantik. Nach 7 Tagen auf See haben wir die Vestmannaeyjar-Inseln vor der Südküste Islands erreicht. Bis Reykjavik waren es dann nochmal 28 Stunden.

Die Rückreise führte über die Färöer, die Orkneys und von dort direkt wieder nach Thyborön.

Die Schlussetappe führte, spiegelbildlich zur Anreise, wieder nach Kiel.    

 

Wie hat man sich das vorzustellen:  Segeln auf dem Nordatlantik?

Sehr kalt!

Ich hatte drei Garnituren lange Funktions-Unterwäsche übereinander an plus einen gefütterten Trainingsanzug bzw. Faserpelz. Darüber das Ölzeug. Dazu warme Stiefel, Schi-Handschuhe, dicke Mütze. Am Ende meiner Wache habe ich dennoch gefroren.

Und dann der Seegang!

Man lebt wie auf einer Schiffschaukel, die aber nicht gleichmäßig sondern ziemlich willkürlich nach allen Seiten pendelt. Man muss sich gut festhalten, auch im Schiffsinneren.

Machen Sie mal unter solchen Bedingungen Wasser heiß! Und füllen Sie es anschließend in eine Thermoskanne! Gummihandschuhe und Ölzeug sind dabei unerlässlich, wenn man sich nicht verbrühen will.

 

Apropos Seegang. Seekrankheit ist für Sie kein Thema!?

Nicht für Gunter und nicht für Helmut. Beide sind absolut seefest. Ich, der Skipper, dagegen nicht. Aber was soll ich machen? Zum Glück helfen mir Tabletten: Cinnarizin ist ein Wirkstoff, der die Gehirndurchblutung fördert und dadurch anscheinend auch die Seekrankheit verhindert, ohne müde zu machen.

 

7 Tage und Nächte auf hoher See ohne Landsicht. Angst?

Entscheidend ist, ob man Vertrauen in sein Schiff hat. Ein gut gebautes, starkes Schiff ist Voraussetzung.

Trotzdem bleibt die Angst als blinder Passagier an Bord. Niemand ist gegen sie gefeit.

 

Hatten Sie Sturm? Sie warten sicherlich schon auf diese Frage.

Als Landratte würde man bereits Beaufort 7 als „Sturm“ bezeichnen. Das ist in der Bft-Skala aber erst ein „Steifer Wind“. „Sturm“ beginnt offiziell bei Bft 9. Dazu muss man wissen, dass sich die Windkraft pro Bft jeweils verdoppelt.   

Ich hatte mir für die kritischen Strecken die Monate mit der statistisch geringsten Sturmhäufigkeit ausgesucht, nämlich Juni und Juli, mit je einem Sturm pro Monat. Den haben wir dann prompt auch erwischt.

Auf der Hinreise hatten wir 24 Std. lang Bft 7 von achtern. Das war kein großes Problem. „Willi“, unsere Aries-Selbststeueranlage, hat es problemlos verkraftet.

Auf der Rückreise hatten wir den Wind von schräg vorne, einen Tag Bft 8 und zwei Tage ohne Unterbrechung Bft 9, kurzfristig 10. Da ging es wirklich zur Sache!

Gefährlich für ein Schiff ist nicht der Wind, auch nicht die Wellen, wenn sie lang genug sind. Gefährlich sind die Brecher. Sie können eine Yacht zum Kentern bringen. Man darf dann nicht breitseits zu den Wellen geraten. Ab bestimmten Bedingungen schafft dies eine Selbststeueranlage nicht mehr. Als uns der erste massive Brecher traf, habe ich anschließend per Hand gesteuert. 5 Stunden lang. Dann war das schlimmste überstanden.

 

Wie hoch waren die Wellen? Nur damit man eine Vorstellung bekommt.

Das ist sehr schwer objektiv anzugeben. Etwa so hoch wie ein Haus mit Obergeschoß und Flachdach; 6 m, schätze ich.

Der Sturm hat uns etwa 80 sm von der Kurslinie abgetrieben, das sind fast genau 150 km.

 

Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand, heißt es …

Die Sicherheit muss natürlich oberste Priorität haben. Dann ist das Risiko nicht so hoch wie es scheinen mag.

Trotzdem kann es unvorhergesehene Situationen geben. Bei der Ansteuerung von Kirkwall, dem Haupthafen der Orkneys, herrschte pottendicker Nebel. Trotz Radar wären wir fast mit einem Schiff der Coast Guard kollidiert. Man bedankt sich dann schon bei seinem Schutzengel!

 

Gab es auch weniger dramatische Momente, die in Erinnerung bleiben?

An der Pier in Reykjavik lagen zusätzlich zu unserer eine irische und eine französische Yacht.

Die Iren haben uns auf ihr Schiff eingeladen. Jemand hat Gitarre gespielt. Wir haben irische, deutsche, französische Lieder gesungen – und den ganzen Abend über viel Whisky getrunken.

Währenddessen muss ein Sturm aufgekommen sein. Auf dem Weg zurück zu unserem Schiff jedenfalls wäre ich fast vom Steg gefallen, so geschwankt hat alles …

 

Natürlich ist Island selbst toll! Aber das kann man in jedem Reiseführer nachlesen.    

 

Was sind ihre nächsten Pläne? Ein weiterer Törn in den hohen Norden?

Nein. Meine Frau und ich wollen letztendlich wieder in den Süden. Mal sehen, Irland würde mich vorher schon noch reizen. 

 

Dazu wünschen wir Ihnen Mast- und Schotbruch!

… und alle Zeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel, sagt der Segler.

Vielen Dank!